Prince Charming – Neue Stereotype gegen alte Schwulenklischees

Teil 2: Die Kandidaten

Nachdem die Werbekampagne für Prince Charming so vollmundig angekündigt hat, dem Wort schwul seine positive Bedeutung zurück zu geben (und ich mich wunderte, warum “zurück” und wieso durch eine Dating-Show), drängt sich die Frage auf: Was für Charaktere hat sich TVNow ausgesucht, um dieses tolle neue Licht auf die Community zu werfen? Wie progressiv ist das vermittelte Schwulenbild und mit welchen Klischees wird gebrochen? Nach voller Durchsicht aller Kandidatenprofile und Vorstellungsvideos kann ich verraten: Allzu mutig wird es nicht.

Die zwanzig Kandidaten sind fast durchweg fit, weiß, bärtig und eher maskulin. Wenn es hier eine merkliche Trendwende zur üblichen Repräsentation von Schwulen im Fernsehen gibt, dann ist es die maximale Distanzierung von der schrill bunten Schuh-des-Manitu-Prosecco-Schwuppe mit der abgeknickten Hand. Misanthropische Homos, in deren Dating-Profilen sich die fiese Bekennerzeile aller toxisch maskulinen Alphas findet – „keine Fatties, Tunten, Damenwäscheträger und Asiaten“ – werden am Kandidatenfeld kaum etwas auszusetzen haben. Einzig Justizfachwirt und Aerobictrainer Manuel würde ihnen nicht gefallen, ist er doch bei geschlossenen Augen der schwulst klingende Mann aus dem Teilnehmerfeld, der noch dazu als schillernde Kunstfigur Lafayette Diamond auftritt. Diese Rolle bezeichnet Manuel aber als „Aktivist, der auf CSDs auftritt“, also keine weibliche Drag Queen ist.

Von Jobs bis Vorlieben alles sehr erahnbar

Die meisten Berufe der Paarungswilligen sind, nunja, nicht gerade überraschend. Ein Drittel der Kandidaten ist im Bereich Fashion beschäftigt, darunter ein Stylist, mehrere Model und ein Mode und Travel-Influencer. Außerdem haben wir mehrere Fitness-Trainer, einen Stripper, einen Sex-Podcaster, Mr. Gay Switzerland, sowie den obligatorischen Friseur, MakeUp Artist und Flugbegleiter. Allerdings kein DJ! Nicht mal Model/Schauspieler/Moderator mit Parfüm Label Alexander legt auf. Sonderbar.

Manuel gehört ebenfalls zu den nur 15%, die keinen Bart tragen, und hatte zugleich die mit 9 Jahren längste Beziehung. Nur drei der zwanzig Kandidaten hatten noch keine Beziehung über zwei Jahren Dauer, einer davon noch gar keine feste. Alle geben an, aktuell Single zu sein. Prince Charming wird also von keinem bloß als polyamouröses Addon gesucht, was ich schon des Date-Gespräches wegen spannend gefunden hätte.
Weitere Statistiken: Das Durchschnittsalter liegt bei 30,6 Jahren. Der Jüngste ist 24, die zwei Ältesten sind 38. Bei den Körpergrößen reicht das Spektrum von 1,68m bis 1,96m. Schwanzlängen wurden im Steckbrief nicht erfasst. (Zielgruppe nicht verstanden, TVNow!) Selbsteinschätzungen der eigenen Attraktivität reichten auf der Zehnerskala von 3 bis 9.

Die 3 ist natürlich lächerlich, weil in den am Hotelpool oder Strand gefilmten Interviews praktisch nur Beach Bodies zu sehen waren. Einziger Kandidat, den man schon mit etwas mehr Hüftgold sah, ist Wirtschaftsstudent Robin. Das war allerdings noch als Halbfinalist bei der 2015er Staffel von DSDS. Danach hat er sich von Promiflash bei seiner Fettabsaugung filmen lassen. Dass in der Show also irgendwelche selbstbewussten Body Positivity Abweichungen vom Idealkörper gezeigt werden, ist nicht zu erwarten. Am Stereotyp vom schwulen Körperkult rüttelt die Kandidatenauswahl von Prince Charming kein Stück.

Sie ahnen die Schubladen, in die sie passen…

Sehr offensichtlich sind sie sich in den Interviews alle dieses Klischees bewusst. Bei der Frage nach dem Traumtyp trällern sie das absehbare Loblieb auf den Charakter, die Loyalität und den Humor. Witzig muss er sein. Lachen musste ich dann vielfach, als sie einen Atemzug nach dem „es muss jetzt kein Adonis sein“ doch noch aufzählten, wie groß, männlich, trainiert, blauäugig und blond er trotzdem gerne sein dürfte. Sehr konkret unkonkret wird Stripper Sebastian: „Groß, klein, dick, dünn, blond, braunhaarig – egal, er muss den Wow-Effekt haben. Ausschlaggebend ist für mich trotzdem die Optik. Mit dem Charakter gehe ich nicht ins Bett.“

Auch Model und MakeUp Artist Adrian verstrickt sich ein bisschen in Widersprüche, als er sich erst nur eine bescheidene 6/10 zuschreibt, dann aber beklagt, wie viele Schwule ihm wegen seines Aussehens missgünstig und neidisch begegnen würden. Frontaler ist da der bullige Friseur Andreas, der keinen Partner will, der „weiblich, zickig, quietschig“ und „eher Männchen als Mann ist“. Entlarvender als das „kein konkreter Typ, aber…“-Rumgeier ist die Frage nach dem Promi-Crush. Stellt man die alle mal nebeneinander, glaubt man doch irgendwie ein Muster zu erkennen, worauf der Charakter fokussierte Prince Charming Kandidat so steht.


Sähe das bei den meisten Schwulen anders aus?
Wahrscheinlich nicht. Die mehrheitliche Vorliebe für Muskelstrahlemänner und kecke Twinks ist kein Stereotyp, das es sich noch abzustreiten lohnt. Warum also wird sich da dermaßen um direktere Antworten gewunden?

…aber heraus kommen sie nicht

Nun, es wird schnell deutlich, dass die Kandidaten ein ausgeprägtes Bewusstsein für alle gängigen Homo-Vorurteile mitbringen und sich wahrscheinlich bewusst sind, dass sie viele davon in dieser Sendung entweder widerlegen oder zementieren werden. Welche ihnen am verbreitetsten erschienen, beantwortet die Steckbrieffrage nach den größten Klischees über die Gay-Szene. Da stören sie sich unter anderem daran, dass Schwule immer automatisch für zickig, intrigant, eitel und oberflächlich gehalten werden, dass sie entweder alle feminin seien, oder es in den Köpfen nur diese binäre Unterteilung in weiblich tuntig und maskulin muskulös gebe, inklusive der mehrfach zitierten Hass-Frage: „Wer ist denn bei euch die Frau und wer der Mann?“

Drei Kandidaten verwehren sich der Idee, dass sie als Schwule schon auf Fabrikeinstellung perfekte Shoppingberater sind. Auch das Bild vom feier- und damit gleich drogensüchtigen HIV-Positiven nervt einige. Mit weitem Abstand am häufigsten wurde von über der Hälfte aller Kandidaten aber das Klischee genannt, Schwule seien eher untreu, nur auf Sex aus und würden in der Szene mit jedem rumvögeln wollen.

Dass man sich recht weit vom Image des femininen Homosexuellen entfernen will, lässt die Show schon im Vorfeld erkennen. Auf die anderen und ganz besonders das größte Klischees scheint man bei TVNow aber sehr viel Lust zu haben. Anders lässt sich der letzte Absatz der Format-Erklärung nicht deuten.

Bei ‘Prince Charming’ sind hingebungsvolle Leidenschaft und große Gefühle vorprogrammiert, aber auch jede Menge Intrigen, Zoff und Eifersucht. Denn für die Gay-Singles ist “Prince Charming” nicht der einzige potentielle Lover! Und wenn sich 20 heiße Singles Küche, Pool und Schlafzimmer teilen, kann es schnell auch schonmal untereinander knistern…

Prince Charming – RTL macht schwul wieder cool

Teil 1: Die Marketing-Kampagne

„Wir feiern Deutschlands erste schwule Datingshow und geben dem Wort SCHWUL endlich die positive Bedeutung zurück, die es verdient hat!“

Es ist ein kühner Marketing-Claim, den die RTL-Gruppe seinem Prince Charming auf die Stirn geschrieben hat. Ein homosexueller Bachelor-Abklatsch soll gleich die ganze Wahrnehmung vom Dating-Verhalten schwuler Männern zum positiven Drehen? Wenn das anmaßend klingt, liegt das daran, dass es das absolut ist. Doch entpacken wir das mal der Reihe nach.

Schon die Vereinnahmung der Pionierrolle ist irreführend. Prince Charming ist mitnichten Deutschlands erste schwule Datingshow. Das war „Homecheck“ auf dem Spartensender Timm TV. Die feierte ihre Premiere im November 2008. Für wegweisend neues Programm ist die RTL-Gruppe hier also bescheidene elf Jahre zu spät. Aber vielleicht zählte man dafür in Köln ja auch nur richtiges TV, also die großen Sender mit den zweistelligen Marktanteilen in der Prime Time, wo man auch die breite Bevölkerung mit einer Show erreicht, die Haltung zeigt. Denn das soll sie laut Thomas Huber, Marketingleiter Digital bei der Mediengruppe RTL Deutschland: „Mit Prince Charming und unserer Kampagne wollen wir bewusst Haltung zeigen und ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz setzen.“

RTL will das Wort schwul wieder positiv besetzen


Klingt mutig. Nur leider zeigt man diese Haltung lediglich im fensterlosen Keller der Sendergruppe. Prinz Charming ist ein „TVNow Original“, wird also nur auf dem Streamingdienst laufen und dort auch nur hinter einer Paywall. Das Premium Monatsabo kostet 4,99 Euro, allerdings gibt es auch eine kostenlose 30 tägige Testphase. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit will man das Format aber scheinbar auch nicht versenden. Dafür ist der Werbeaufwand zu hoch. Zum Start am 5. November sollen die offensiven „…IST SCHWUL“-Plakate in 61 deutschen Städten hängen. Eher will man also die Zielgruppe auf seine Streaming-Plattform locken, als die Show dem Durchzapper im linearen TV-Programm schmackhaft zu machen. Damit es in der RTL-Primetime den Senderschnitt nicht runter zieht, müsste es dort schon gute zwei bis drei Millionen Zuschauer finden. Das traut man sich, bei aller Haltung, dann wohl doch nicht zu.

Es bräuchte mehr als eine Charme-Offensive, um RTLs History mit LGBT-Kanditen wett zu machen

Der Kampf gegen die schwulen Stereotype wird letztlich eher vor geneigten, sprich überwiegend homosexuellen, Streaming-Abonnenten und Testkunden offene Türen einlaufen. Jene RTL-Zuschauern, denen man in Köln einst mit Daniel Kübelböck seinen viel kopierten Prototyp für den erheiternd tuckigen Paradiesvogel-Kandidaten zum Läster-Fraß vorwarf, wird man damit nicht behelligen. Angesichts der unrühmlichen Geschichte von LGBT-Repräsentation in der Sendergruppe hängt Prince Charming in der Streaming-Sparte wie ein verrutschtes Feigenblatt weit unter ihrem Schambereich. Auch wenn ich kein Freund dieses Klageliedes bin, werden die Pinkwashing-Vorwürfe sicher nicht lange auf sich warten lassen.

Mit der Marketing-Kampagne und erwartbarer Cross-Promotion in den Mittags- und Klatschformaten des Senders wird aber bestimmt einiges aus der Show ins normale TV-Programm rüberschwupp…schwappen.
„Das Wort ‘schwul’ wird von manchen Menschen leider immer noch in abwertender Weise benutzt – das wollen wir ändern und dem Begriff endlich die positive Bedeutung zurückgeben, die er verdient“, erklärt Huber die Slogans. Tatsächlich ist „schwul“ immer noch das beliebteste Schimpfwort auf Deutschlands Schulhöfen. Der Versuch den Begriff offensiv wieder positiv zu besetzen, ist daher ein lobenswertes Anliegen. Dabei kommt es aber entscheidend darauf an, wer ihn dann genau mit welchen Mitteln positiv laden soll. Ob ausgerechnet eine Bachelor-Variante aus dem Hause RTL in halbprivater Vorführung für diese Herkulesaufgabe geeignet ist, darf bezweifelt werden. Doch es lohnt sich ein Blick darauf, mit welchen Protagonisten man die Community repräsentieren will.

Im zweiten Teil werde ich daher einen genaueren Blick auf die Kandidaten werfen, die bereits ausgiebig zu schwulen Klischees und Traumtypen befragt wurden.

TVNow ist schwul - Der Streaming-Anbieter wirbt positiv mit Deutschlands häufigster Schulhof-Beleidigung, um Haltung zu zeigen

Pinkwashing

Fühl dich nicht benutzt! Auch falsche Freunde können nützliche Verbündete sein

Der Begriff Pinkwashing verfolgt den aufmerksamen Szene-Beobachter inzwischen von Frühling bis Herbst. Von den frühesten CSDs bis zum Folsom gehört die Diskussion scheinbar zu jeder öffentlich zelebrierten LGBTQ-Festivität dazu. Deren Teilnehmerzahlen haben dieses Jahr in der Mehrheit der Städte alle alten Rekordmarken weit hinter sich gelassen. Der lange Weg, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen, scheint zumindest für Schwule und Lesben (weniger noch Trans*) aufs Ziel zuzugehen. Längst sind sie nicht mehr die verschämte, isolierte Minderheit. Eher scheinen sogar konservative Lager verstanden zu haben, dass offen homophobe Äußerungen nicht mehr salonfähig sind. So wird eine CDU-Vorsitzende sogar dann noch angezählt, wenn sie verächtliche Stereotype in schlechte Karnevals-Kalauer kodiert und das später gar nicht so gemeint haben will. Selbst subtilere Alltagshomophobie von sich tolerant fühlenden Menschen der sozialen Mitte kommt immer öfter in Erklärungsnot, oder sie versteckt sich hinter dem doppelt ironisch aufgeschlagenen Spötter-Quark eines Dieter Nuhr, der die ganze Aufregung als albernen Papperlapapp abtut. Der einst konstante Gegenwind hat sich noch nicht vollends in unseren Rücken gedreht, doch für die Community sind selbst wechselnde Winde schon ein Auftrieb. Sich als LGBT-Ally für die Gleichstellung und Akzeptanz Homosexueller einzusetzen, wird heute weithin als ehrenvolles Abzeichen von Güte und Gerechtigkeitssinn gesehen.

Genau das sorgt jetzt aber immer wieder für Misstrauen. Gerade wenn Firmen sich plötzlich sehr medienwirksam Inklusivität auf die Fahne schreiben, beginnen Teile der Community zu argwöhnen: Geht es dem Konzern wirklich um den Support für uns, oder ist das nur ein opportunistischer Marketing-Stunt, um sich selbst in ein gutes Licht zu rücken?

Firmen, die dieses sogenannte Pinkwashing betreiben, sind also ein bisschen wie der Hetero-Typ, der dich auf einer Party nur für deine offene Homosexualität feiert, weil er die Telefonnummer deiner besten Freundin haben will. Vielleicht findet er dich dabei sogar wirklich ganz dufte und will dich gar nicht anlügen, benutzt dich aber doch vorrangig als Requisite, damit er selbst wie Prinz Charming dastehen kann.
Gerade ältere Community-Aktivisten, die noch sehr gute Erinnerung daran haben, wie allein sie mal dastanden, reiben sich verwundert die Augen, wenn mit Beginn der Sommermonate gefühlt jedes Label von Fast bis High Fashion eine Pride Collection an den Start bringt. Plötzlich will jede Firma ein Stück vom großen Rainbow-Cake. Keine Produktgruppe scheint zu abwegig, um sie nicht mit ein bisschen Regenbogen-Colorierung auf die richtige Seite der Geschichte zu branden. Du willst dich inklusiv fühlen, während du auf der Couch hunderte Terroristen über den Haufen ballerst? Kaufe dir das Pride Gamepad!

Das kann man einfach als Irrwitz der Kommerzialisierung weglachen, oder sich kräftig darüber ärgern. Vielen Aktivisten stößt das Pinkwashing besonders dann bitter auf, wenn Konzerne zwar auf einem Berliner CSD mit einer halben Million Menschen gerne für ihre Werbeflächen zahlen wollen, den Rest des Jahres aber keinen Support zeigen. Für den Durchschnittszuschauer stehen dann gute Marken, in deren Konzernkultur es LGBT-Netzwerke gibt und die großzügig an Community-Projekte spenden, nicht unterscheidbar neben selbsternannten Verbündeten, die sich nur für eine Woche im Jahr bunten Glitter ins Gesicht schmeißen. Viele davon sind über die letzten Jahre schon in einer großen Zahl von Artikeln an den Pranger gestellt worden.

Doch können wir Konzerne durch diese medialen Pinkwashing-Tribunale wirklich dazu erziehen, echtere und bessere Aktivisten an unserer Seite zu werden?
Ich glaube nicht. Sie sind grundlegend orientiert am wirtschaftlichen Erfolg und werden nur tun, was für die Geschäftsergebnisse opportun ist. Wir können sie nur dazu gängeln, ihren Aktivismus glaubhafter vorzutäuschen. Damit machen wir aus ihnen aber keine besseren Lover, sondern nur überzeugendere Pornodarsteller.

Eher sehe ich hier eine Gefahr, dass die Message bei den Firmen falsch ankommen wird. Die wenigsten, die Engagement zeigen wollen, werden ihren PR-Agenturen gleich grünes Licht für ein teures All-In geben, sondern erst mal einen Fuß ins Wasser halten wollen. Vielleicht muss auch innerhalb der Führungsetage zunächst mit einem kleinen Erfolg für den weiteren Weg geworben werden, bevor alle Entscheider überzeugt sind. Genau diese erste Annäherung könnte ihnen aber schon als Pinkwashing ausgelegt werden. Wenn sich nur jene als homosexuellenfreundlich präsentieren dürfen, die gleich das volle Programm auffahren, dann schaffen wir mit diesen Kriterien eine vielleicht zu hohe Einstiegshürde. Ich befürchte, dass es dann viele Firmen lieber ganz sein lassen, statt gegen eine Wand zu laufen und sich fürs erste bewilligte Inklusions-Budget noch eine blutige Nase zu holen.

Grundsätzlich finde ich es auch schwierig, Firmen mit Regenbogen-Ambitionen in echte und falsche Freunde unterscheiden zu wollen. Selbst jene mit guten Inklusionsstrukturen in der Firma, den Spenden und der respektvoll repräsentierenden Werbung machen das nicht aus rein altruistischen Motiven, sondern stecken einfach nur mehr Aufwand in alle Aspekte ihrer Selbstinszenierung. Und die positive, ja selbst die mit Kontroversen erzielte Aufmerksamkeit lohnt sich. Abseits der LGBT-Themen haben zuletzt Nike und Gilette sehr erfolgreich auf Kampagnen mit sozialer Haltung gesetzt, indem sie NFL-Spieler Colin „Take a Knee“ Kaepernick verpflichteten oder sich gegen toxische Maskulinität positioniert haben. Beides hat ihre Verkäufe messbare beflügelt.

Ein nervenschonenderer Umgang mit Pinkwashing wäre es, im Umgang mit Firmen nicht über echte oder falsche Freundschaftsmotive zu mutmaßen, sondern das ganz abgeklärt als eine durchweg transaktionelle Beziehung zu betrachten. Sehen wir sie als zunächst amoralische, opportunistische Entitäten, die uns vorrangig als Requisiten für ihre Image-Kampagnen wahrnehmen, brauchen wir umgekehrt auch kein schlechtes Gewissen haben, sie genauso zu benutzen. Wenn sie in der Pride Season ihr Fähnchen in den Wind halten, sollte die Community dieses Bild einfach verstärken, alle begrüßen die das ebenfalls tun und ihnen dabei klar machen:
Wir sind dieser Wind, der euch gerade trägt!
Und wir lassen euch, weil es ein Signal an die ganze Welt sendet, dass wir wichtig sind.
Statt sie also wie ein Clubtürsteher zu taxieren, ob sie auf unsere Party passen, sollten wir einfach die Tore weit öffnen und lieber alle, die draußen noch zögern, fragen: „Und warum bist du eigentlich noch nicht drin? Was hast du denn gegen die LGBT-Community?“
Je voller es dann bei uns wird, umso mehr saufen die halbherzigen Versuche ohnehin in der Masse ab und plötzlich werden sich die PR-Abteilungen mehr anstrengen und gegenseitig überbieten wollen. Das wird so manche aufmerksamkeitsgeile, schlimm-plärrige Geschmacksverirrung mit sich bringen, aber die werden am Ende genauso schnell von den Twitterati abgeschossen wie Kendall Jenners furchtbarer Pepsi-löst-den-Rassismus-Werbespot. Es ist ja nicht so, dass die Heteromehrheit geschlossen gar nicht checken würde, wenn sich jemand plakativ und plump an eine Minderheit ranwanzt, um ihnen zu imponieren. Je enger wir in der Mitte der Gesellschaft mit ihnen zusammen stehen, umso mehr müssen wir ihnen auch diese Mindestmaß an Vertrauen entgegenbringen.


Wenn der Fokus auf die LGBT-Community weiter so wächst wie in den letzten Jahren, wird es in der Pride Season gar nicht mehr genug Werbeflächen für all die Regenbogen geben. Um dann noch bemerkt zu werden, verteilt sich das dann ganz von selbst immer weiter übers Jahr. Vielleicht beginnt diese Trendwende ja gerade schon damit, dass ausgerechnet eine Bausparbank im Oktober, also dem längsten Zeitabstand bis zum nächsten CSD, eine Kampagne mit zwei Drag Queens gestartet hat. Erfreulicher Twist der witzigen Spots: Destiny und Jurassica werden darin nicht für müde Paradiesvogel-Travestie ausgestellt, sondern verkörpern so sehr ein New Normal, dass sie schon wieder über die zu moderne neue Nachbarin ablästern.

Ich bin gespannt, was sich in dieser Off-Season sonst noch regen wird. Wer sich dagegen erst wieder im nächsten Mai um die Community bemüht, ist vielleicht ein pinkwashender Opportunist, aber das ist bei allem moralischen Defizit ja pragmatisch gesehen trotzdem noch ein kleiner Gewinn für uns – und sei es nur, um sich über die geschmacklich verirrtesten neuen Pride Collections das Maul zu zerreißen. Dafür werde ich die Firmen im Blog ganz sicher mit diebischer Freude shamen. Pinkwashing-Tribunale wird es hier aber nicht geben. Die Pushen in die falsche Richtung und sind unsere Energie in meinen Augen nicht wert.

Also ja, ich werde den wahrscheinlich nicht ganz ehrlichen Casanova meiner guten Freundin vorstellen. Aber nicht weil ich seine Masche nicht durchschaut hätte, sondern weil sie ihm sagen wird, dass sie kein tieferes Interesse hat außer vielleicht an einem Dreier, den sie sich nur mit uns beiden gut vorstellen könnte. Und dann kriegt nicht er sie ins Bett, sondern wir beide ihn.

Ich habe das nie gewollt!

Willkommen auf meinem Blog!
Ich bin der Deitermann. Du darfst aber auch gerne Daniel zu mir sagen, denn wir wollen hier wie unter Freunden reden. Das ist ein bisschen schwer geworden im Internet, wo allzu oft, so scheint es mir, nur noch deine Worte darauf abgescannt werden, ob sich in negativst möglicher Auslegung jemand von ihnen angegriffen fühlen könnte. Aus diesem Worst-Case-Könnte wird dann ganz schnell niederträchtige Absicht unterstellt. „Wie hast du das gemeint?“ wird vor dem Lospoltern dann nur noch selten gefragt. Das ist schade und behindert nuancierte Diskussionen. Ich möchte das nicht. Wenn ich Aussagen oder Situationen auf mehrere Arten deuten kann, will ich sie zumindest so lange wohlwollend neutral deuten, bis sich die Anzeichen für Schlechteres verdichten.

In der Aufmerksamkeitsökonomie der Blogosphäre oder generell in sozialen Medien hat sich allerdings gezeigt, dass maximale Empörung auch zu maximaler Aufmerksamkeit führt. Warum soll man sich auch nicht im Dienst einer guten Sache empören? Das ist doch gerade Zivilcourage. If you see something, say something! Denn gut ist, wer mit maximaler Lautstärke auf Schlechtes zeigt. Nicht wahr?

Zielsetzung: nuancieren statt eskalieren

Naja, schon irgendwie, nur bringt das mit der maximalen Lautstärke ein paar Probleme mit sich, weil es auf Dauer unsere ganze Diskussionskultur taub macht. Von allen Seiten werden wir mit Sprachbildern der Katastrophe bombardiert. Selbst einfache politische Gegenreden kriegen in Video-Titeln auf YouTube standardmäßig Verben der Eskalation aufgestempelt: So zerstört Rezo die CDU und es wird nicht mehr widersprochen, sondern gleich zerrissen, rasiert und gedemütigt.
Zugleich klingen die Reaktionen auf kleine Fehltritte nicht mehr viel anders als bei großen Ungeheuerlichkeiten. Doch weil die großen Storys schon von so vielen anderen beackert werden, sucht man sich – denn man will ja nicht im Getöse untergehen – gerne die Kleineren heraus und erklärt empört, warum diese (und zugleich man selbst) doch viel beachtenswerter sind. Und so gerieren sich viele aktivistische Blogger, YouTuber und Twitterer wie hochspezialisierte Trüffelschweine, die auch tief, tief unter der Oberfläche noch einen Dufthauch von Homophobie und diversen -Ismen wittern können, um diese dann stolz vor aller Augen auszubuddeln. Das hat ja auch seinen Wert, keine Frage. Es wird nur halt schnell sehr kleinteilig und verbissen, wenn das Kleine dann immer ganz groß erscheinen muss.

Mich mit in diese Schützengräben zu werfen, erschien mir nie als meine Mission. Darum habe ich trotz so einiger, lieber Ermunterungen, dass sei doch was für mich, lange gezögert, einen Blog anzufangen.
Jetzt mache ich es doch. Dann aber gleich mit diesem Disclaimer, nicht immer ins selbe Horn der Berufsempörten blasen zu wollen. Bevor diese Begrüßungsrede aber endgültig zum Manifest über den Niedergang der Diskussionskultur ausufert und damit genau die Art von Anstrengend ist, die ich hier vermeiden möchte, will ich lieber einen Ausblick geben, was für Content hier kommen sollen.

Bloggen nach Inspiration statt enger Themenpassform

Ich bin medien- und politikinteressiert, auf Verlagssuche für meinen Roman und schwul. Und weil ich meine Gedankenkreise nicht auf nur einen dieser Aspekte einboxen möchte, heißt das Ding hier erst mal DeiterBLOG. Es wird einige der heiß diskutierten Eisen aus dem Bereich LGBT-Aktivismus und Gleichstellungskampf geben, aber ganz vorsätzlich ohne allzu wütende Schnappatmung. Manchmal werde ich die vielleicht bei anderen provozieren, wenn ich aus einem vermeintlichen Aufreger die Luft rauslasse. Zur Entspannung gibt es dann auch mal den ein oder anderen Exkurs über Storytelling quer durch die verschiedenen Medien. Wenn es dann soweit ist, werde ich hier außerdem schamlos den Release von meinem Roman promoten.

Viele der Blogeinträge drehen sich bis dahin sowie schon um Themen, die ich darin angerissen, aber nicht komplett ausgerollt habe. So ein Essay kappt zu schnell den Handlungsfluss. Außerdem will ich meinen Charakteren erlauben, andere Sichtweisen zu haben, als ich selbst – auch kontroverse. Ich schreibe hier also zugleich an meinem Alibi. Denn garantiert wird der Moment kommen, an dem ich für Äußerungen meiner Figuren angeklagt werde von genau der Art Leute, die nicht zwischen Autor und Erzähler differenzieren wollen, weil ihnen das ja sonst einen schönen Aufreger kaputt machen würde. Blogger halt. Eigentlich wollte ich ja was vernünftigeres werden. Nun schauen wir mal, ob beides zusammen geht.