Prince Charming – Neue Stereotype gegen alte Schwulenklischees

Teil 2: Die Kandidaten

Nachdem die Werbekampagne für Prince Charming so vollmundig angekündigt hat, dem Wort schwul seine positive Bedeutung zurück zu geben (und ich mich wunderte, warum “zurück” und wieso durch eine Dating-Show), drängt sich die Frage auf: Was für Charaktere hat sich TVNow ausgesucht, um dieses tolle neue Licht auf die Community zu werfen? Wie progressiv ist das vermittelte Schwulenbild und mit welchen Klischees wird gebrochen? Nach voller Durchsicht aller Kandidatenprofile und Vorstellungsvideos kann ich verraten: Allzu mutig wird es nicht.

Die zwanzig Kandidaten sind fast durchweg fit, weiß, bärtig und eher maskulin. Wenn es hier eine merkliche Trendwende zur üblichen Repräsentation von Schwulen im Fernsehen gibt, dann ist es die maximale Distanzierung von der schrill bunten Schuh-des-Manitu-Prosecco-Schwuppe mit der abgeknickten Hand. Misanthropische Homos, in deren Dating-Profilen sich die fiese Bekennerzeile aller toxisch maskulinen Alphas findet – „keine Fatties, Tunten, Damenwäscheträger und Asiaten“ – werden am Kandidatenfeld kaum etwas auszusetzen haben. Einzig Justizfachwirt und Aerobictrainer Manuel würde ihnen nicht gefallen, ist er doch bei geschlossenen Augen der schwulst klingende Mann aus dem Teilnehmerfeld, der noch dazu als schillernde Kunstfigur Lafayette Diamond auftritt. Diese Rolle bezeichnet Manuel aber als „Aktivist, der auf CSDs auftritt“, also keine weibliche Drag Queen ist.

Von Jobs bis Vorlieben alles sehr erahnbar

Die meisten Berufe der Paarungswilligen sind, nunja, nicht gerade überraschend. Ein Drittel der Kandidaten ist im Bereich Fashion beschäftigt, darunter ein Stylist, mehrere Model und ein Mode und Travel-Influencer. Außerdem haben wir mehrere Fitness-Trainer, einen Stripper, einen Sex-Podcaster, Mr. Gay Switzerland, sowie den obligatorischen Friseur, MakeUp Artist und Flugbegleiter. Allerdings kein DJ! Nicht mal Model/Schauspieler/Moderator mit Parfüm Label Alexander legt auf. Sonderbar.

Manuel gehört ebenfalls zu den nur 15%, die keinen Bart tragen, und hatte zugleich die mit 9 Jahren längste Beziehung. Nur drei der zwanzig Kandidaten hatten noch keine Beziehung über zwei Jahren Dauer, einer davon noch gar keine feste. Alle geben an, aktuell Single zu sein. Prince Charming wird also von keinem bloß als polyamouröses Addon gesucht, was ich schon des Date-Gespräches wegen spannend gefunden hätte.
Weitere Statistiken: Das Durchschnittsalter liegt bei 30,6 Jahren. Der Jüngste ist 24, die zwei Ältesten sind 38. Bei den Körpergrößen reicht das Spektrum von 1,68m bis 1,96m. Schwanzlängen wurden im Steckbrief nicht erfasst. (Zielgruppe nicht verstanden, TVNow!) Selbsteinschätzungen der eigenen Attraktivität reichten auf der Zehnerskala von 3 bis 9.

Die 3 ist natürlich lächerlich, weil in den am Hotelpool oder Strand gefilmten Interviews praktisch nur Beach Bodies zu sehen waren. Einziger Kandidat, den man schon mit etwas mehr Hüftgold sah, ist Wirtschaftsstudent Robin. Das war allerdings noch als Halbfinalist bei der 2015er Staffel von DSDS. Danach hat er sich von Promiflash bei seiner Fettabsaugung filmen lassen. Dass in der Show also irgendwelche selbstbewussten Body Positivity Abweichungen vom Idealkörper gezeigt werden, ist nicht zu erwarten. Am Stereotyp vom schwulen Körperkult rüttelt die Kandidatenauswahl von Prince Charming kein Stück. Am Stereotyp der Castingshow-Kandidaten, die bereitwillig Privates für noch ein bisschen mehr Sendezeit ausschlachten, wahrscheinlich kaum mehr.

Sie ahnen die Schubladen, in die sie passen…

Sehr offensichtlich sind sie sich in den Interviews alle dieser Klischees bewusst. Bei der Frage nach dem Traumtyp trällern sie das absehbare Loblied auf den Charakter, die Loyalität und den Humor. Ja, vor allem witzig muss er sein. Lachen musste ich dann vielfach, wenn ein Atemzug nach dem „es muss jetzt kein Adonis sein“ doch noch aufgezählt wird, wie groß, männlich, trainiert, blauäugig und blond er trotzdem gerne sein dürfte. Sehr konkret unkonkret wird Stripper Sebastian: „Groß, klein, dick, dünn, blond, braunhaarig – egal, er muss den Wow-Effekt haben. Ausschlaggebend ist für mich trotzdem die Optik. Mit dem Charakter gehe ich nicht ins Bett.“

Auch Model und MakeUp Artist Adrian verstrickt sich ein bisschen in Widersprüche, als er sich erst nur eine bescheidene 6/10 zuschreibt, dann aber beklagt, wie viele Schwule ihm wegen seines Aussehens missgünstig und neidisch begegnen würden. Frontaler ist da der bullige Friseur Andreas, der keinen Partner will, der „weiblich, zickig, quietschig“ und „eher Männchen als Mann ist“. Entlarvender als das „kein konkreter Typ, aber…“-Rumgeier ist die Frage nach dem Promi-Crush. Stellt man die alle mal nebeneinander, glaubt man doch irgendwie ein Muster zu erkennen, worauf der Charakter fokussierte Prince Charming Kandidat so steht.


Sähe das bei den meisten Schwulen anders aus?
Wahrscheinlich nicht. Die mehrheitliche Vorliebe für Muskelstrahlemänner und kecke Twinks ist kein Stereotyp, das es sich noch abzustreiten lohnt. Warum also wird sich da dermaßen um direktere Antworten gewunden?

…aber heraus kommen sie nicht

Nun, es wird schnell deutlich, dass die Kandidaten ein ausgeprägtes Bewusstsein für alle gängigen Homo-Vorurteile mitbringen und sich wahrscheinlich bewusst sind, dass sie viele davon in dieser Sendung entweder widerlegen oder zementieren werden. Welche ihnen am verbreitetsten erschienen, zeigten sie in der Steckbrieffrage nach den größten Klischees über die Gay-Szene. Da stören sie sich unter anderem daran, dass Schwule immer automatisch für zickig, intrigant, eitel und oberflächlich gehalten werden, dass sie entweder alle feminin seien, oder es in den Köpfen nur diese binäre Unterteilung in weiblich tuntig und maskulin muskulös gebe, inklusive der mehrfach zitierten Hass-Frage: „Wer ist denn bei euch die Frau und wer der Mann?“

Drei Kandidaten verwehren sich der Idee, dass sie als Schwule schon auf Fabrikeinstellung perfekte Shoppingberater sind. Auch das Bild vom feier- und damit gleich drogensüchtigen HIV-Positiven nervt einige. Mit weitem Abstand am häufigsten wurde von über der Hälfte aller Kandidaten aber das Klischee genannt, Schwule seien eher untreu, nur auf Sex aus und würden in der Szene mit jedem rumvögeln wollen.

Dass man sich recht weit vom Image des femininen Homosexuellen entfernen will, lässt die Show schon im Vorfeld erkennen. Auf die anderen und ganz besonders das größte Klischees scheint man bei TVNow aber sehr viel Lust zu haben. Anders lässt sich der letzte Absatz der Format-Erklärung nicht deuten.

Bei ‘Prince Charming’ sind hingebungsvolle Leidenschaft und große Gefühle vorprogrammiert, aber auch jede Menge Intrigen, Zoff und Eifersucht. Denn für die Gay-Singles ist “Prince Charming” nicht der einzige potentielle Lover! Und wenn sich 20 heiße Singles Küche, Pool und Schlafzimmer teilen, kann es schnell auch schonmal untereinander knistern…

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